Google

This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct

to make the world's books discoverablc online.

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover.

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the

publisher to a library and finally to you.

Usage guidelines

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to prcvcnt abuse by commercial parties, including placing lechnical restrictions on automated querying. We also ask that you:

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for personal, non-commercial purposes.

+ Refrain fivm automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the use of public domain materials for these purposes and may be able to help.

+ Maintain attributionTht GoogXt "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct and hclping them lind additional materials through Google Book Search. Please do not remove it.

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe.

Äbout Google Book Search

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs discover the world's books while hclping authors and publishers rcach ncw audicnccs. You can search through the füll icxi of ihis book on the web

at|http: //books. google .com/l

I

m/

p6^.2i+At;5"S" el.lq

u.

^^A-lL d

4

KUSSISCHE KEYUE

MONATSSCHRIFT

FÜR DIE KUNDE RUSSLANDS

Herausgegeben

von

Carl ft^ött^ev*

XXII. BAND

ST. PETERSBURG Kaiserliche Hofbuchhandlung H. SCHMITZDOKKI

(CABL RÖTTGEB) .883

m/.

p^, 21^1 S"? <A . iq

■12

-2-^^/6 cl

r

♦■. ^*?'^ .

r -

EUSSISCHE EEYUE

MONATSSCHRIFT

FÜR DIE KUNDE RUSSLANDS

Herausgegeben

von

Carl DEt.Ott^g'eY*

XXIL BAND

ST. PETERSBURG

Kaiserliche Hofbuchhandlung H. ScHMlTZDOKFF

(CARL RÖTTGER)

.883

JlowoJitwo neHsypoK) C-UeTepgypn», 21 Iiohx 1883 ro^a. Buohdruckerei von Ctrl Rüttger, Newsky-Prospect Nr. 5

Inhalts - V erzeiohniss.

Seite

Aktenstücke zur Geschichtq der Beziehungen zwischen Russland und Frankreich, i68i 1718. Von Prof. A. Brückner i— 31

125—134

Allgemeines Reichsbudget der Einnahmen und Aus- gaben fiir das Jahr 1883 32—58

Ueber die Ausführung des Reichs-Budgets vom Jahre

iSSi. Nach dem Bericht des Reichskontroleurs . . 59—91

Der vorgeschichtliche Mensch der Steinzeit am Ladoga-

Ufer. Von Prof. Ludwig Stieda 97 1 24

Der Kaiserlich botanische Garten zu St. Petersburg während des Decenniums 1872 1882 134 '39

Die Jahreszeiten in der Krim. Erster Theil. Von N. und

W. Koppen 140— 17S

231—247

Spuren primitiver Familienordnungen bei den kaukasi- schen Bergvölkern. Von Prof. Dr. W. Sokolsky . . 176—186

Hie neuesten Forschungen über den Stand der Hausin- dustrie in Russland. Von Dr. Wilhelm Stieda . . . 193 230

Die Lage der russischen Lahdwirthschaft während des

Jahres 1882. Von Andr, Blau 247—275

Zur Kunstliteratur. Won Dr. E. ScAulze 275 281

Der auswärtige Handel Russlands im Jahre 1881. Von

Friedrich Matthaei 289—325

433—461

555—570 Die Verhandlungen der «grossen Kommission > in Mos- kau und St. Petersburg 1767 1768* Von Prof. A. Brückner 325—356

411—432

500—541 Auf- und Zugang der Gewässer im europäischen Russ- land. Won Ernst Ley st 385 410

Die Operationen der Reichskreditanstalten im Jahre 1880 462 —475 Der Maler W. Wereschtschagin. Eine biographische

Skizze. Vovi l^T, E. Schulze 481—500

Zur Geschichte der Juden in Lithauen im XIV.— XVI.

Jahrhundert . 542 554

Literaturbericht :

Bonnell: Beiträge zur Alterthumskunde Russlands von den ältesten

Zeiten bis um das Jahr 400 n. Chr 91 92

Friedrich Maithaei: Die wirthschafllichen Hülfsquellen Russlands und

deren Bedeutung für die Gegenwart und die Zukunft 92 93

Kleine Mittheilungen:

Industrie und Handel im Gouvernement Pollawa 93 94

Der Häringsfang an den Küsten des Schwar/.en Meeres . ... 94 95 Die Tbätigkeit der Kaiserlich Russischen Geographischen Gesellschaft

im Jahre 1882 186—189

Die Merw-Oase ...... 190

Zur Statistik des Gebietes von Kars .. 281- 2S4

Aus dem Achal-Teke-Gebiet ..... 285—286

Die Reichs-Einnahmen und Ausgaben' fiir das Jahr 1882, verglichen mit

denen des Jahres 1881 286 287

Der Stand der Rechnungen des Eisenbahn fonds am i. Januar 1883 . . 373 377

Der orographische Charakter der Halbinsel Kola 377 —380

Muselmännische Literatur im Ferghana-Gebiet 380

Industrie im Gouvernement Kijew .... 380 381

Bevölkerung der Städte Omsk und Irkutsk 381 382

Raubthiere im Gouvernement Olonez 382

Die russische Armee im Jahre 1881 ... 475^*47^

Ausländer in Russland 476

Schiflfahrts-Verkehr über die russischen Häfen während der Jahre

1872— 1881 47^—477

Bevölkerung des Gebietes von Kars . 477 47^

Heizungs-Material der Lokomotiven Russlands 478

Zahl der Pilger nach dem Hühlenkloster in Kijew 47^ 479

Die Kaiserliche öffentliche Bibliothek in St. Petersburg . 570

Länge der Flüsse des europäischen Russlands 570—57'

Jagd im Gouvernement Olonez 57*

Revue Russischer Zeitschriften 95

190—192 287 383 479—480 57^—572

Russische Bibliographie 96 192 288 384 480 572

EUSSISCHE KEYUE

MONATSSCHRIFT

FÜR DIE KUNDE RUSSLANDS

Herausgegeben

von

CJafl IRött^er

XXII. BAND

ST. PETERSBURG

Kaiserliche Hofbuchhandlung H. SCHMITZDOKFI

(CARL RÖTTGER) C883

eines französischen Gesandten nach Russland als wünschenswerth erscheinen liessen.

Von den erschütternden Vorgängen des Jahres 1682 in Moskau mochte man in Frankreich nicht allzugenaue Kunde haben. Ganz allgemein wird in der Instruktion für Herrn Piquetierre bemerkt, es stehe zu hoffen, «qu'il y trouvera un gouvernement certatn auquel il pourra s^adresser». Der Regentin Sophie ist gar nicht erwähnt ; dagegen sollte der Gesandte sowohl dem Zaren, als auch dem Pa- triarchen Schreiben des Königs von Frankreich, sowie einige kost- bare Geschenke überreichen* Man mochte sich die Verfassung in Russland ähnlich dualistisch denken, wie die Konkurrenz, welche in Japan Taikun und Mikado einander zu machen pflegten« Wie wenig man aber in Frankreich überhaupt von den russischen Angelegen- heiten Kenntniss hatte, ist aus dem Umstände zu ersehen, dass in den Schreiben des Königs an das geistliche und das weltliche Ober- haupt in Moskowien die Namen des Zaren und des Patriarchen un- ausgefüllt waren, wobei dem Gesandten zur Pflicht gemacht wurde, diese Namen nach vorgängiger genauer Erkundigung in den zu über- reichenden Schreiben auszufüllen. So scheint man denn in Frank- reich nichts von der Regentschaft Sophien's, nichts von der Zwei- herrschaft Iwan^s und Peter's gewusst zu haben ein Beweis, wie durchaus ausserhalb des westeuropäischen Staatenverbandes Mosko- wien sich damals befand.

Die Reise Piquetierre's nach Russland unterblieb aus uns unbe- kannten Gründen« Wenige Jahre später erschien als russischer Ge- sandter der Fürst Dolgorukij in Frankreich (1687).

Der Minister der Regeutin Sophie, Fürst Wassili Wassiljewitsch Golizyn, war ein Verehrer der Grösse und des Ruhmes Ludwig's XIV. Man erzählte wohl, dass sein Sohn ein Bildniss des Königs auf der Brust zu tragen pflegte. Er kam auf den Gedanken, um die Hülfe •Ludwig's XIV. im Kampfe gegen Türken und Tataren zu bitten. Golizyn mochte nicht wissen, dass der König von Frankreich keines- wegs geneigt war, an der Aktion gegen den Sultan Theil zu nehmen. Die Idee einer nach Frankreich zu entsendenden Gesandtschaft war keine besonders glückliche.

Aus russischen Quellen ist bekannt, dass die moskowitische Ge« sandtschaft sich in Frankreich keiner günstigen Aufnahme erfreut habe. Man durfte vermuthen, dass die Haltung Dolgorukij's nicht korrekt gewesen sei. Man wusste von unliebsamen Erörterungen, welche in Paris stattgefunden haben sollten.

Die neuerdings veröffentlichten Aktenstücke setzen uns in den Stand, einen tieferen Einblick in den Verlauf dieser Episode zu thun. Aus einem «Memoire touchant la conduite qu^ont tenue en France les ambassadeurs de Moscovie> (S. 15 19) erfahren wir, dass Dol- gorukij und dessen Gefolge sich bei der Ankunft in Frankreich den daselbst herrschenden Zollgesetzen nicht fügen wollten und dass sie auch sonst taktlos und gewaltthätig verfuhren.

So z. B. hatte Dolgorukij bei der Abreise aus Holland an den König einen Kurier mit einem Schreiben gesandt, welcher durchaus iD feierlicher Audienz von dem Könige selbst empfangen werden wollte« Zwei Tage stritt man mit ihm, indem man ihm vorstellte, dass nicht der König, sondern der Staatssekretär für auswärtige An- gelegenheiten derartige Schreiben in Empfang zu nehmen habe; der Bote blieb dabei, den Brief nur dem Könige persönlich abgeben zu dürfen, so dass er unverrichteter Sache wieder abzog j er wird in dem Aktenstücke als ein «valet insolent ou mal avis^t bezeichnet. Als sodann die Gesandten französischen Boden betraten, ward ihnen eröffnet, dass sie sich in allen Stücken den bestehenden Gesetzen, Verordnungen und Regeln in Betreff des Empfanges ausländischer Gesandten zu fügen hätten, oder, wenn sie dieses nicht wollten, das Land meiden sollten. So z. B. wurden ihre Effekten an der Zoll- grenze visitirt und mit Zollplomben versehen. Obgleich man nun die Russen auf die Unvertetzlichkeit der Zollplomben aufmerksam gemacht hatte, rissen sie dieselben von ihren Koffern ab, nahmen aus den letzteren allerlei Waaren, Stoffe und Pelzwerk heraus und trieben damit auf offener Strasse in St. Denis Handel, worüber die Finanzpächter sich bei der Regierung beschwerten. Ein solches Gebahren veranlasste den König, einen Polizeibeamten in die Woh- nung zu senden, welche den Gesandten in Paris angewiesen worden war : es wurde ihnen der Handel mit ihren Waaren untersagt. Aber der Polizeioffizier wurde nicht blos von den Dienstboten der Ge- sandten insultirt, sondern von einem der Diplomaten mit einem Dolche bedroht; es gab einen argen Lärm, so dass der König, wel- cher die Gesandten in einer Audienz empfangen hatte, sie nicht mehr sehen wollte. Die Geschenke, welche ihnen Ludwig XIV. hatte überreichen lassen, wiesen sie zurück, was den König veranlasste auch seinerseits die bereits empfangenen Gaben deti Gesandten wie- der zustellen zu lassen. Auch wurde der Befehl gegeben, die Ge- sandten wieder nach Dünkirchen zu befördern. Als man ihnen er- öffnete, dass zu ihrer Abreise alle Wagen und Pferde bereit standen.

_ _^

weigerten sie, sich Paris zu verlassen, ehe sie von dem Könige in einer zweiten feierlichen Audienz empfangen worden seien. Da war» den denn strengere Mittel angewandt ; man entfernte alle Personen, welche von der französischen Regierung für den Dienst der Ge- sandten in deren Wohnung designirt worden waren ; man Hess aus der Wohnung der Gesandten alles Hausgeräth forttragen; man er- öffnete ihnen, sie könnten so lange bleiben, als sie wollten, aber nicht mehr darauf rechnen, ihren Unterhalt von der französischen Regie- u ng bestritten zu sehen. Gleichzeitig aber Hess man einfliessen, die Gesandten könnten das Geschehene wieder gut machen, wenn sie gutwillig nach St. Denis übersiedelten, wo sie denn auch auf Kosten der Regierung unterhalten werden würden.

Dolgorukij und Genossen fügten sich und siedelten nach St. Denis über. So konnten denn trotz aller vorhergegangenen Konflikte doch noch Verhandlungen zwischen ihnen und dem Minister Colbert- Croissy stattfinden. Auch wurde ihnen eine zweite Audienz bewilHgt. Aber auch das Geschäftliche der Mission Dolgorukij^s verHef sehr unglücklich. Aus dem «Extrait de ce qui sVst pass6 däns la Con- ference ä Saint Denis, entre monsigneur de Croissy et les ambassa- deurs de Moscovie, le i-er Septembre 1687» (S. il 15) ersehen wir, dass den Russen fraHzösischerseits erklärt wurde, Ludwig XIV. sei nicht so unbesonnen, den Türken ohne allen Grund den Krieg zu r klären, und überhaupt nicht gewöhnt, ohne besondere Veranlassung zu den Waffen zu greifen und die bestehenden Verträge zu brechen; auch würde ein Konflikt, mit der Pforte die Interessen des französi- schen Handels in der Levante schädigen u. s. w. So hatte denn in der Hauptsache die Mission Dolgorükij's keinen Erfolg, Nach einem Austausch allgemeiner Phrasen über die Rechte der französischen Kaufleute in Russland und über etwaige Reisen, welche französische Missionäre über Russland hinweg* nach China unternehmen würden, zogen Dolgorukij und Genossen unverrichteter Sache ab, Ihr Auf- treten in Frankreich hatte gezeigt, dass man in Moskau zur Zeit noch sehr unvollkommene Begriffe von westeuropäischer Politik und von westeuropäischem GesandtSQhaftswesen hatte. Die Behandlung, welche man französischerseits ihnen hatte angedeihen lassen, that dar, dass man Russland weder fürchtete noch^achtete, dass von einer Ebenbürtigkeit zwischen Moskau und Frankreich keine Rede war, dass der halbasiatische Staat im Osten als etwas Fremdes und Sub- alternes galt.

Es fehlt nicht an anderen Beispielen taktlosen und gewaltthätigen

Benehmens russischer Diplomaten in Westeuropa während des 17. Jahrhunderts. Oft erregten sie durch Brutalität und Mangel an Sa- lonfähigkeit den Unwillen der Regierungen, mit denen sie 2u ver- handeln hatten. Es gab für sie auf dem Gebiete der feinen Sitte, der Selbstbeherrschung im diplomatischen Verkehr, der Kenntniss poli- tischer Verhältnisse viel zu lernen,

Dass Dolgorukij in St Denis in der Rolle eines Krämers auftrat und öfientlich seine Waaren feilbot, erregte Aufsehen. Le-Drau er- wähnte noch vierzig Jahre später dieser Thatsache mit Entrüstung *. Hier aber kann wenigstens den Gesandten kein Vorwurf treffen. Die nissische Regierung pflegte den ins Ausland gesandten Diplomatta nur wenig baares Geld, wohl aber verschiedene Waaren, Pelzwerk, Rhabarber, kostbare Stoffe u. dgl. m , mitzugeben. Durch den Ver- kauf dieser Gegenstände mussten die russischen Gesandten sich die für ihre Reise und ihren Unterhalt erforderlichen Geldmittel ver- schaffen. Ein solches Vorherrschen der Naturalwirthschaft vor der Geldwirthschaft entsprach der niedern Kulturstufe, welche Russland damals einnahm. Nach diesem verunglückten Versuche Russlands, mit Frankreich 'Beziehungen anzuknüpfen, unterblieben Jahre lang alle ferneren Be- strebungen dieser Art, wenn anders nicht der Verfasser des merk- würdigen Buches «Relation curieux et nouvelle de la Moscovie», Neuville, wie man anzunehmen pflegt, als eine Art polnisch- franzö- sischen diplomatischen Agenten im Jahre 1689 in Moskau weilte. Leider ist über diesen Gegenstand nichts bekannt und auch in der vorliegenden Aktensammlung ist Neuville^'s nicht erwähnt.

Gewiss ist, dass nach dem Jahre 1687 ein Jahrzehnt hindurch eine gewisse Spannung zwischen Russland und Frankreich bestehen blieb. Französische Missionäre, welche über Russland nach China reisen wollten, haben sich in Moskau keiner günstigen Aufnahme zu erfreuen gehabt. Als Peter 1696—97 in Westeuropa weilte, dachte er nicht daran, Frankreich zu besuchen. Ja noch mehr: im Haag, wo die Gesandtschaft, in deren Gefolge der Zar reiste, Beziehungen mit den Diplomaten aller Mächte unterhielten, wurde die französische Ge- sandtschaft von Lefort, Golowin und Wosnizyn geflissentlich igno- rirt. Die Franzosen rächten sich damals für eine solche Nichtberück- sichtigung dadurch, dass sie allerlei ungünstige Gerüchte über die

'Er schreibt (S. III) von Dolgorukij und Genossen: «11s parurent etre plutot des marcbands qui voalaient 4tre d^fray^s et vendre leurs marcbandises sans payer douane, que des ambassadeurs, quieussent quelque affaire d'Etat a traiter» etc.

IQ

russischen Reisenden in den Zeitungen aussprengten und u. A. er- zählten, dass den Russen das Reisegeld ausgegangen sei. Genug, es gab eine beiderseitige Verstimmung, welche um so weniger gehoben werden konnte, als beide Staaten vorläufig einander nicht bedurften.

Es fragte sich nur, ob und wann ein solcher Zeitpunkt eintreten werde, in welchem die Interessen Russlands und Frankreichs zu- sammengehen würden ?

Obgleich die Schlacht bei Narva in Westeuropa ab ein Beweis von der Geringfügigkeit der Machtmittel Russlands angesehen wurde, scheint denn doch die französische Regierung, welche damals den Kampf um die spanische Erbfolge begann, den Wunsch gehabt zu haben, Russland als Waffe gegen Holland, England, Oesterreich und Kurbrandenburg zu gebrauchen. In diesem Sinne äusserte sich der französische Gesandte in Polen, Du-H^ron, gegen den Zaren und dessen Minister in Birsan, als Peter hier, Apfang 1701, eine Zusam- menkunft mit König August hatte. Man wollte damals französischer- seits den Umstand verwerthen, dass Peter mit der Haltung der Nie- derlande unzufrieden war. Aehnliche Gespräche pflog Du-H6ron Anfang 1702 in Warschau mit dem russischen Gesandten Dolgorukij. Der letztere soll geäassert haben, Peter wünsche, dass der König Ludwig XIV. ihm zur Besetzung eines Hafens an der Ostsee ver- helfe : er werde dann in kurzer Zeit so viele Schiffe bauen lassen, dass den Franzosen und Russen allein, mit Ausschluss aller anderen Nationen, die Schifffahrt und der Handel auf der Ostsee vorbehalten bleiben würden. Im Februar 1702 gab es sodann eine Zusammen- kunft zwischen Du-H^ron undPatkul, welcher letztere über die Hal- tung Englands, Hollands, Polens« des Kaisers und Kurbrandenburgs gegenüber Russland Klage führte und die Förderung der russischen Interessen durch Frankreich als denjenigen des letzteren Staats ent- sprechend darstellte. Obgleich nun Ludwig XIV. seinen Gesandten Du-H^ron vor Patkul als einem Anhänger des Kaisers warnte, hatte Patkul im August 1702 eine zweite Unterredung mit Du-H^ron, in welcher er u. A. dem französischen Gesandten erklärte, der Zar werde im Falle einer Umwälzung in Polen, welche in Aussicht stehe, für die Erhebung eines französischen Prinzen auf den polnischen Thron zu wirken bereit sein ; auch versprach Patkul, Peter werde dem Kö- nige von Frankreich Hülfstruppen für den Krieg in Italien zur Ver- fügung stellen, ihm eine Summe Geldes vorschiessen u. dgl. m.

Aus solchen, von der Frivolität der damaligen diplomatischen Kunst zeugenden Reden Patkuls ist zu ersehen, dass dem Zaren in

II

derThat recht viel an einer Annäherung an Frankreich gelegen war. Weniger baute Peter auf den Erfolg seiner Waffen, als auf die Bundesgenossenschaft des allerchristlichsten Königs, welcher dem Zaren die Eroberung der Ostseeküste eher gönnen mochte, als man das von England oder Holland zu erwarten berechtigt war. Fatkuls Vorstellungen bewirkten wenigstens so viel, dass Du-H6ron die Ab- sendung eines ausserordentlichen französischen Gesandten nach Moskau in Aussicht stellte (S. IV DC).

Dieser Gesandte, Baluze, kam denn auch im Jahre 1703 nach Russ- land. Ueber sein Verweilen daselbst und die von ihm mit der russi- sehen Regierung gepflogenen Unterhandlungen ersehen wir sehr Eingehendes aus einer Reihe von Aktenstücken, welche in der vor- liegenden Sammlung abgedruckt sind, während wir bisher für diesen Gegenstand auf einige Bemerkungen in den von Ustrjalow heraus- gegebenen Depeschen Pleyer's und in Ssolowjew's «Geschichte Russ- lands» angewiesen waren.

Die Absendung Baluze*s hatte den Zweck zu ermitteln, wie weit es dem Zaren mit dem Abschlüsse eines Vertrages mit Frankreich wirklich Ernst war. Die Instruktion (S. 408 14), welche Baluze erhielt, gibt über die Anschauungen Frankreichs genügende Aus- kunft. Baluze sollte den Zaren gegen den Kaiser, den Kurfürsten von Brandenburg, England und Holland aufbringen, ihn dazu zu bewegen suchen, mit einem Kosakenkorps eine Diversion zu Gunsten Frankreichs in Siebenbürgen zu unternehmen und dem Könige Ludwig XrV. eine Summe Geldes vorzustrecken. Dagegen sollte Baluze dem Zaren die Vermittelung Frankreichs bei dem Friedens- schlüsse mit Schweden in Aussicht stellen.

Die Instruktion ist vom 28. September 1702 datirt. Am 8. De- zember verliess Baluze Warschau; Ende März 1703 traf er in Moskau ein. Leider ist eine ganze Reihe von Relationen, welche Baluze aus Moskau sandte, verloren gegangen. Die erste Depesche welche in der Sammlung gedruckt ist, trägt das Datum des 3. Ok- tober 1703. Glücklicherweise enthält dieselbe eine Rekapitulation der früheren Relationen. Da erfahren wir denn, was allerdings auch schon aus einigen, von nicht geringer Schadenfreude zeugenden Bemerkungen bei Pleyer bekannt war, dass Baluze mit dem ihm gewordenen Empfange keineswegs zufrieden war. Bei der ihm bewilh'gten Audienz war das Ceremoniell nicht feierlich genug aus- gefallen ; vielleicht eilte man mit dieser Audienz, weil der Zar un- mittelbar nach derselben zur Armee abreiste. Als die Verband

I

12

lungen Baluze's mit Golowin begonnen, erklärte der letztere u. A., dass den Holländern und Engländern die Rechte nicht geschmälert werden könnten, welche sie auf dem Gebiete des Handels in Rusis- land genössen. Entgegenkommender erschien Patkul, auf dessen Vorspiegelungen allerdings weniger Gewicht gelegt werden konnte.

Wie dem auch sein mochte, Ludwig XIV. war mit dem kühlen Empfange, welcher seinem Gesandten zu Theil geworden war, un- zufrieden, und zeigte keine Lust, dem Verlangen des russischen Mi- nisters zu entsprechen, dass Baluze seinerseits die Wünsche und Absichten der französischen Regierung eingehender formuliren sollte, während Baluze das Verlangen stellte, dass Golowin ein genaues Programm für ein russisch-französisches Bündniss ent- wickeln sollte. Indem beide Theile sich zuwartend und zugeknöpft verhielten, gediehen die Verhandlungen nicht weiter und Baluze erhielt die Weisung, nach Warschau, wo er schon früher geweilt hatte, zurückzukehren, da von einem längeren Aufenthalte in Moskau keinerlei Gewinn zu erwarten sei. In ganz allgemeinen Phrasen spraohen Golowin und Baluze, als dieser letztere Abschied nahm, die Hoffnung aus, dass es später einmal izum Abschlüsse eines rus- sisch-französischen Vertrages kommen möge. (S. 23— 36, 414 417).

Offenbar lag weder dem Könige noch dem Zaren sehr viel an dem Abschlüsse eines Vertrages. Die beiden Staaten bedurften einander noch nicht. Damals, in den Jahren 1703 und 1704 konnte man noch nicht voraussehen, dass Russland wenige Jahre später durch die Schlacht bei Poltawa aus einem unbedeutenden, halbasia- tischen Staate sich in eine europäische Grossmacht verwandeln werde. Vor dem J. 1709 mochte es für Frankreich nicht der Mühe werth erscheinen, sich ernstlich um die Allianz des Zaren zu bewer- ben, welcher kein Ansehen genoss und dessen militärische uad finan- zielle Mittel als sehr beschränkt erschienen. Ohnehin muss es, wenn wir die bescheidenen Verhältnisse des Budgets in Russland zu jener Zeit uns vergegenwärtigen, als eine wunderliche Idee bezeichnet Werden, dass man in Frankreich erwarten konnte, von Russland eine irgend namhafte Geldunterstützung zu erhalten»

Ebenso erfolglos, wie das Verweilen Baluze^s in Russland, war der Aufenthalt des russischen Gesandten Matwejew in Frankreich im J. 1705, über welchen wir durch Aufzeichnungen dieses Diplo- maten und auch durch einige Aktenauszüge in Ssolowjews Werke unterrichtet sind.

t3

Mätwejews Mission hatte einen speziellen Zweck. Er sollte die Herausgabe einiger russischer Schiffe verlangen, welche von franzö- sischen Kapern weggenommen worden waren. Dieser Zweck wurde nicht erreicht

Drei Aktenstücke in der vorliegenden Sammlung ergänzen unsere Kenntntss von diesen Vorgängen in sehr willkommener Weise. In einem Memoire (S. 37 41) schilderte Matwejew die Geschidite der Versuche einer Annäherung zwischen Russland und Frankreich bis zum J. 1705. Sodann berichtete er über die Angelegenheit mit den gdcaperten Schiffen und verlangte deren Herausgabe. Aus einem Schreiben Pontchartrains an Torcy (& 41 --43) ersehen wir, wie die französische Regierung das Ansinnen der Herausgabe der geka- perten Schiffe mit grosser Entschiedenheit zurückwies. Von grösse- rem Interesse ist das Schreiben dlberville's» welcher von seiner Unterredung mit Matwejew- Bericht erstattet D'Ibervtlle lobt die Haltung des russischen Gesandten, dessen politische Kentnisse und Erfahrung, sowie dessen feines Wesen. Wir erfahren, dass Matwejew sfch bemüht habe, das in Frankreich herrschende VorurtheQ zu beseitigen, als sei der Zar gegen Ludwig XIV. und die Franzosen eingenommen. U. A. hob Matwejew hervor, dass die Errichtung einer ständigen russischen Gesandtschaft in Paris und einer franzö- sischen in Moskau dazu beitragen würde, die Beziehungen der beiden Staaten möglichst freundlich zu gestalten, etwaige Missverständnisse rasch zu beseitigen und den Zwietracht säenden Gegnern Frank- reichs und Rüsslands das Handwerk zu legen. Im dem Gespräche d*Ibervilles mit Matwejew wurde auch der tadelnswerthen Haltung Dplgorukijs im J. 1687 erwähnt. Matwejew Hess sich Einzelnheiten darüber berichten und bemerkte, daSs die Schuldigen auch jetzt noch bestraft werden würden. Zum Beweise der dem französischen Könige günstigen Haltung Russlands erzählte Matwejew, dass er bei seinem Verweilen in den Niederlanden es vermieden habe mit dem spanischen Kronprätendenten, dem Erzherzog Rode, als dieser durch Holland reiste, zusammenzukommen, so wie dass Peter beim Aus* bruche des Krieges um die spanische Erbfolge dem Könige Wilhelm von England ausdrücklich habe erklären lassen, dass er, der Zar, neutral bleiben werde. Matwejew bemerkte femer gesprächsweise, dass französische Weine in; Russland sehr hoth geschätzt und be- sonders in Folge der für dieselben in der letzten Zeit eingetretenen Zollreduktion viel getrunken würden« Die Unterhaltung war zwanglos, lebhaft. Matwejew erzählte von

14

allerlei Personen in Russland, berührte mancherlei Verhältnisse. Ueber den verstorbenen Günstling des Zaren, Lefort^ urtbeilte er sehr scharf: derselbe sei nur ein Trunkenbold gewesen und habe sich durch nichts, als etwa durch die unbedingteste Ergebenheit an den Zaren ausgezeichnet. Von der Mutter Peters, Nathalie Naryschkin, erzählte Matwejew, sie sei die Adoptivtochter seines Vaters» des bekannten Staatsmannes, Artamon Ssergejewitsch Matwejew ge- wesen. D'Iberville hatte von allem diesem einen angenehmen Ein- druck und hob lobend hervor, dass der russische Diplomat des Fran- zösischen sdion einigermaassen mächtig sei und die Absiebt habe, sich darin durch längeren Aufenthalt in Frankreich ilöch mehr zu vervollkommnen.

In einem Schreiben Ludwigs XIV. an Peter, in welchem bemerkt Mrirdy dass man an den Abschluss eines Vertrages erst dann denken könne, wenn Europa sich mehr beruhigt haben werde, lobt der König in allen Stücken die Haltung des Gesandten während seines Aufenthaltes in Frankreich (S. 48 49).

Man war eben um einen gewaltigen Schritt vorwärts gekommen. Dolgorukijy in den früheren moskowitischen Formen verharrend, hatte sich in Frankreich unmöglich gemacht. Matwejew, durch jahre- langen Aufenthalt in den Niederlanden geschult, war der Situation gewachsen, gab keinen Anstoss, zeichnete sich durch glatte Formen aus.

Aber die Mission Matwejews war erfolglos, wie diejenige Dolgo- rukijs. Le-Drau erwähnt in seinem, 1 726 verfassten Memoire, der König habe dem Staatssekretär d'Aguesseau den Auftrag ertheilt, mit Matwejew zu verhandeln, aber die Vorgänge des Krieges um die spanische Erbfolge hätten den Abschluss eines Vertrages mit Russland verhindert. (S. XIII). Russland imponirte damals den Franzosen nicht genug, als dass Ludwig XIV. sich von einem Ver- trage mit Peter viel Erfolg hätte versprechen können« Le-Drau schreibt: «Louis XIV ne jugea pas ä propos de prendre alors d'en- gagements plus ^tendus avec le Czar ; les Moscovites ne poss^däient alors aucun port sur la Mer Baltique, et leur pays n'^tait accessible par mer aux Frangais que par le port d* Archangel» (S. XV). Man ersieht aus einer derartigen Aeusserung, was für Russlahd die Er- werbung der Ostseeküste und die Schlacht von Poltawa bedeutete. Als Matwejew in Paris verhandelte, war Narwa bereits in den Hän- den der Russen und auch der Grund gelegt zu der neuen Hauptstadt Petersburg. Aber erst ein grosser militärischer Erfolg konnte diese

Erwerbungen dauernd sicherstellen. Nicht umsonst bemerkte Peter unmittelbar nach dem Siege bei Poltawa, jetzt erst sei die Grund- steinlegung Petersburgs recht eigentlich als vollzogen zu be, trachten.

Auf diese unmittelbare Wirkung der Schlacht bei Poltawa weist auch Le-Drau in seinem Memoire hin. Die grosse Thatkraft des Zaren, bemerkt tr, die ungewöhnlichen Erfolge desselben hätten Aller Augen in ganz Europa auf den Zaren hingelenkt und da habe denn auch der König Ludwig XIV. die Ueberzeugung gewonnen, dass das Bündniss mit einem Fürsten, dessen Macht von Tage zu Tage wachse, beträchtlichen Gewinn verspreche ; da sei denn der Gedanke aufgetaucht, dass Frankreich bei dem Friedensschlüsse zwischen Bussland und Schweden eine Vermittlerrolle übernehmen müsse und so habe man sich denn entschlossen Baluze, welcher schon einmal in Russland gewesen war, noch einmal dorthin zu senden (S. XVI— XVH).

Diesem Gedankengange gibt ein «Memoire sur une n^gocation ä faire pour le service du roi> (S. 418 u. ff.) Ausdruck. Die Siege des Zaren, heisst es da, hätten ihm die Herrschaft über die Ostsee verschafft; der neue Staat habe die grösste Macht in ganz Europa ^; alle Nachbaren fürchteten Russland ; die Hülfsmittel des Reiches seien unerschöpflich u. dgl. m. Sehr charakteristisch schliesst das Memoire folgendermaassen (S. 420): <Si le Czar se platnt que nous Tavons m€pns6 et que ses ambassadeurs ont 6t6 maltrait^ en France, on peut lui r^pondre que la Moscovie n'est bien connue que depuis que le Prince, qui y r^gne, s'est attir^ par ses grandes actions et ses qualit^s personnelles l'estime des autres nations, et que c'est sur cette r^putation, que S, M. Tr^-Ch-ne lui fait offrir sinc^rement son amitiö». Der Grundgedanke der französischen Politik ist fol- gender: «Wie der Kardinal Richelieu den König Gustav Adolf von der Eroberung Livlands abzog, um die österreichische Uebermacht zu brechen, so könnte man jetzt den Zaren von der Eroberung der- selben Provinzen abziehen, um denselben Zweck zu erreichen >.

In einem zweiten Memoire wird noch energischer auf das Macht« verhältniss des Zaren hingewiesen : es dürfte, heisst es da, kaum lohnen, ihm die Vermittelung des Friedens mit Schweden anzutragen, da er ja unter keinen Umständen sich die Erwerbungen werde ent- gehen lassen^ welche ihm der Erfolg seiner Waffen gesichert habe ;

^ L*ftiigmetitaÜon de sa puissance, qui est la plus grande de l^Europe.

i6

Frankreich solle dai'an denken^ eine Liga im Norden zu Stande zu ^^ ^ t>ringen und sich durch politischen Einfluss auf diese Mächte, na- '^ ^ mentlich Polen und Russland, die Leitung dieser Angelegenheit ^^ vorzubehalten suchen (S. 421); es solle den Interessen des Zaren '^'^^^ im Orient Vorschub lei$ten> ihm den Durchgang russischer SchifTe a«^ durch die Dardanellen, bei der Pforte erwirken u, w. -m. ^

Durch solche Mittel hoffte Frankreich sich des Zaren Hülfe im H^^ Kampfe mit Oesterreich verschaffen zu können. Es war, wie man aus der dem Gesandten Bai uze mitgegebenen Instruktion (S. 425 bis 433) ersieht, die Hauptaufgabe desselben, in Erfahrung zu bringen, um welchen Preis Peter zu einer Diversion gegen Oesterreich, zu militärischen Operationen in Ungarn u. dgl. m. geneigt sein werde. So z. B. sollte Baluze dem Zaren andeuten, dass eventuell der Zare- witsch Alexei den ungarischen Thron erlangen könne ^

So weitgehende Entwürfe wurden durch den inzwischen ausge- brochenen türkisch-russischen Krieg durchkreuzt. Es kam Frank* reich nicht zugute, dass man in Russland überzeugt war und blieb, dass französische Hetzereien in Konstantinopel einen gewissen An- theil an der Kriegserklärung der Pforte gehabt hätten. Mit dieser vorgefassten Meinung hatte Baluze zu kämpfen. Es half nichts, dass der Minister Torcy den Gesandten instruirte, er solle den Zaren mit allen Mitteln glauben machen, dass Oesterreich die Pforte zum Kriege gegen Russland beredet habe. Dem Gesandten wurde russi- scherseits ein kühler Empfang zu Theil.

Als Baluze aus Warschau aufbrach, um mit dem Zaren zusammen zutreffen, war dieser bereits auf dem Wege zur Armee, welche sich der Donau näherte. Baluze begegnete dem Zaren und dessen Mi- nistem in dem Flecken Jaworow in Galizien. Das Ceremoniell bei der Audienz, welche der Zar dem Gesandten bewilligte, entsprach abermals nicht den Erwartungen Baluze's. Auf den Vorschlag einer französischen Friedehsvermittelung antwortete Peter mit dem Hin- weis auf den Starrsiim KarPs XII.; als Baluze vor den Ränken der Bundesgenossen des Zaren warnte, musste er die Bemerkung hören dass der Zar schon selbst sich vor dieser Gefahr zu hüten wisse. Die Vermittelung Ludwig^s XIV. bei dem Friedensschlüsse mit Schwe- den lehnte der Zar ab, sprach aber den Wunsch aus, Frankreich solle doch lieber den Konflikt Russlands mit der Pforte beilegen helfen.

* 11 doit lAcher de lui iotpirer k pens^e de Taire asseotr le prince son (iU sar le tr6ne de Hon£[rlf (S. 43a).

if

Aus einer zweiten Relation Baluze's aus Jaworow (S. 61—70) et*

fciliren wir Mancherlei über Peter*s Lebensweise und wie er beim

Zimmern eines Bootes die Hauptarbeit verrichtete, sowie über die

I-Ialtung Katharina's, welche, damals noch nicht als Gemahlin Peter's

2LX1 erkannt« von den poln beben Damen ausgezeichnet wurde und

eine grosse Gewandtheit und taktvolle Haltung an den Tag legte.

T^inc Privataudienzy welche Baluze bei dem Zaren in einem Garten

Ixatte, führte die Verhandlungen nicht um einen Schritt weiter. Als

Saluze bemerkte, man könne ja gleichzeitig mit der Türkei und mit

Schweden wegen des Friedens in Unterhandlung treten, entgegnete

Feter, zunächst handle es sich um Beilegung des Konflikts mit der

Pforte, weil dann Karl XII, nachgiebiger sein werde.

So zeigte sich im Jahre 171 1 wieder, was auch früher schon wahr- zunehmen gewesen war, dass Frankreich und Russland für ihre Inter- essen wenig g^neinsamen Boden ^hatten. Ludwig XTV. hoffte ver- gebens, dass Peter den österreichischen Insurgenten in Ungarn wirk- same Unterstützung gewähren würde. Peter wiederum durfte nicht erwarten, dass Frankreich etwas Wesentliches gegen die Interessen Schwedens unternehmen werde. Ausdrücklich erklärte der König in einem Schreiben an Baluze, es könne ihm nicht einfallen, Karl XII. des einzigen Bundesgenossen zu berauben, welchen er habe, nämlich der Pforte. Dabei aber klagte der König über die kühle Haltung des Zaren, welcher sich zu keiner Theilnahme an dem Kampfe gegen Oesterreich durch Unterstützung Ragotzkijs entschliessen mochte

(S. 458-464).

Beachtenswerth ist der Umstand, dass in derselben Zeit, als Baluze m Verkehr mit dem Zaren für eine Annäherung zwischen Frank- reich und Russland wirken sollte, in Paris nacheinander zwei russi- sche Diplomaten auftraten, nämlich ein in französischen Diensten stehender Beamter, Krock, welcher, noch ehe er seine Kreditive als russischer Gesandter zu überreichen Gelegenheit hatte, starb, und sodann Wolkow, dessen diplomatische Mission, wie wir aus einigen Bemerkungen in Ssolowje WS Geschichte Russlands> erfahren, keine Bedeutung hatte und resultatlos verlief. Ueber die durchaus episo« dische Wirksamkeit Krocks und Wolkows finden sich in der von der Historischen Gesellschaft herausgegebenen Aktensammlung (S. XXI, 78 79 und 453) nur ganz kurze und geringfügige Andeu- tungen.

Für die diplomatische Mission Baluze's musste der Verlauf des türkischen Krieges von der grössten Bedeutung sein. Siegte Peter

UJS9. RKTUK RD. XXft. 2

Ig

ünbedmgt^ so konnte man eher auf seine Hülfe bei den Ereignissen in Ungarn rechnen. Unterlag er, so war nicht zu erwarten, dass seine Bundesgenossenschaft von irgend erheblichem Nutzen sein konnte. Kein Wunder, dass Baluze mit grosser Aufmerksamkeit den Vor- gängen des russisch-türkischen Krieges folgte utid darüber an seine Regierung berichtete. Seine Relationen sind indessen nicht eigent- lich als eine irgend brauchbare Quelle für die Geschichte des russisch- türkischen Krieges anzusehen, da sie nur die Reproduktion von allerlei Gerüchten über die militärische Aktion enthalten und die Langsamkeit und Unzuverlässigkeit der Berichterstattung in jener Zeit sehr deutlich veranschaulichen*

Ausserdem ist zu beklagen, dass sich in der Reihe der Depeschen Baluze's eine Lücke findet. Es fehlen alle Relationen zwischen dem 19. Mai und 27« August 171 1, während in den Briefen Ludwigs XIV. und Torc/s einer grossen Anzahl von Schreiben erwähnt ist, welche der König in dieser Zeit von Baluze erhielt (s. S. 458 475).

Sobald Ludwig XIV. nur gerüchtweise von der Niederlage der Russen am Pruth erfuhr, gab er Baluze die Weisung , bei den Ver- handlungen mit Russland zurückhaltender zu sein (S. 468). Während aber der Pruther Vertrag schon im Juli abgeschlossen worden war, wussten Torcy und der König von diesem wichtigen Ereigniss im September erst gerüchtweise und erwarteten mit der grössten Span- nung genauere Nachrichten darüber, welche Stellung der König von Schweden zu diesen Vorgängen habe einnehmen können (S. 474)- Es erschien den Machthabern in Frankreich kaum glaublich, dass die Pforte in dem am Pruth geschlossenen Vertrage die Interessen Karls Xn. so ganz und gar unberücksichtigt habe lassen können. Das ganze Ereigniss hatte für Ludwig XIV. übrigens vorwiegend nur die Bedeutung, dass, wie er bemerkt, Ragotzkij und dessen Partei unter diesen Verhältnissen gar nichts von Russland zu erhoffen haben würden.

Baluze suchte sich möglichst genaue Angaben über die Bedin- gungen des Pruther Friedens zu verschaffen, bemerkte aber in einem Schreiben an den König, er werde wohl darauf verzichten müssen, ganz Zuverlässiges zu erfahren, da sdne Gewährsleute, die Russen, parteiisch urtheilten und nicht objektiv berichteten (S. 76)»

Am 29* August 171 1, als Peter, nach der Krisis am Pruth^ durch JlEurosslaw kam» hatte Baluze eine Audienz bei dem Zaren« Die Zu- sammenkunft verlief eilig und formlos am Ufer des Flusses Ssann, als der Zar und dessen Gefolge sich soeben für die Weiterreise ein-

schiffen sollten. Der Zar begrüsste den Gesandten ganz äacbtigf» liess seine Anrede unbeantwortet, gab einige Anordnungen in Be- treff der für die Reise in Stand gesetzten Fahrzeuge, ging am Ufer aof und ab ; nach einigen mit dem Grafen Golowkin gewechselten Worten musste sich Baluze zurückziehen. Nicht ohne Gereiztheit schrieb er an den König von der 'Formlosigkeit des iiim zu Theil gewordenen Empfanges und bemerkte dazu, dass bei der Itälte und Zurücldialtung des Zaren und seiner Minister eine Annäherung Russlands mit Frankreich nicht erwartet werden könne.

Bahize kehrte nach Warschau zurück, wo er die Weisung erhielti für den Fall einer Wiederanknüpfung mit Russland zu einer Reise in Bereitschaft zu sein. Indessen bot sich dazu keine Gelegenheit dar. Peter, welcher von 171 1 an wiederholt Reisen ins Ausland unter- nahm, sollte mehrere Jahre später in Paris die Unterhandlungen per- sönlich weiterfuhren.

Indessen bietet die Korrespondenz zwischen Baluze und Torcy in der auf die Krids im J. 171 1 folgenden Zieit mancherlei Interessantes dar«- So z. B. erzählte Baluze in einem Briefe aus Warschau, eine hochstehende polnische Dame habe dem Zaren in Bezug auf den türldsAen Feldzug das Kompliment gemacht, er Könne sagen: veni, vidi, vici, waräüf 'der Zar mehrmals geantwortet habe : «nicht gerade so», und hinzugefügt, es sei noch sein Glück gewesen^ statt hundert Streiche, welche ihm zugedacht gewesen seien, nur fünfzig empfangen zu haben (S. 80). Baluze erfuhr ferner von den vielen MilUottcni, mit welchen der Friede am Pruth erkauft worden sei, von mancherlei Unterredungen Peters mit verschiedenen Diplomaten, von der Abbeigung der Polen gegen die Russen u. s. w. (S. 81—91).

Anfang Mirz tji2 schrieb Baluze, es habe sich das Gerücht ver- breitet, der Zar ^ei gestorben. Torcy antwortete, in einem solchen Falte würden die Polen nach so ^el Unruhe und Drangsal endlich Rufce haben, da man schwerlich annehmen könne, dass Peters I^ach- folger dem Beispiele seines Vaters folgen werde (S. 482).

Nach dem erfolglosen Versuche Ludwigs XIV., sich des Zaren als eines Mittels zum Kämpfe gegen Oesterreich zu bedienen, trat bald eine grosse Veränderung in der Weltlage ein. Der Krieg um die spanische Erbfolge fand seinen Abschluss. In Frankreich trat ein Regierungswechsel ein. Einige Jahre hindurch gab es so gut wie gar keine diplofifaitisdhen Beziehungen zwischen Frankreich und Ruasland.

Inzwischen aber ging trotz der Krisis am Pruth die Maclitent«

. ^0

wickelpng Russlands uagehindert vorwärts. Etiie Reihe von tnHita- rischen und diplomatischen Erfolgen sicherten, dem rasch eoiporge- kommenen Reiche die Grossmachtstellung, welchees in der Schlacht bei Poltäwa errungen hatte. Bei allen politischen Kombinationen in,y/esteuropa musste mjt den Intentionen des Zaren gerechnet werden. Von dem Jahre 171 1 ab erschien er sdibst häufig im Westen, wo ,^r an den diplomatischen Unterhandlungen wie an der militari-

' ' t

sehen . Aktion unmittelbaren Antheil nahm. Später als andere Staaten schenkte Frankreich dem Zaren die ihm gebührende Auf- merksamkeit; später als andere Staaten dachte es daran, sich dauernd in ^«.Petersburg durch einen Diplomaten vertreten zu lassen« Eine Qiiasivertretung war das Verweilen de La-Vie's inRussland von dem Jahre 17 15 an, dessen Berichte die grösste Beachtung verdienen*

n. Die Relationen de La-Vie'« 1715—18.

Schon der Umstand, dass, obgleich die Depeschende La-Vie's in der vorliegenden Edition der Historischen Gesellschaft ein Paar hundert Seiten umfassen» in anderen Geschichtsquellen, in Akten- sammlungen und zeitgenössischen Aufzeichnungen setner nicht er- wähnt wird, beweist, dass es sich bei seinem Verweilen in Russland um keine hervorragende politische Mission handelte. Sein diplonia- tischer Charakter war untergeordneter Natur. Er war mehr Konsul, als Gesandter. Auch in der kurzen historischen Abhandlung Le- Drau's vom J, 17261 in welcher die Geschichte der diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich und Russland übersichtlich dar- gestellt ist, geschieht seiner keine Erwähnung.

de La-Vie kam Anfang 1 71 S nach Russland. Wie lange er dort bl\eb, erfahren wir nicht. Die Reihe der veröffentlichten Depeschen schliesst mit dem Dezember 171 8 ab. lieber den Umfang des gsiHzen Depeschenmat erials, über den Zeitpunkt» bis zu welchem diesQ^ Berichte fortgeführt sind, haben die i^Ierausgeber des XXXIV. Bandes des < Magazins > keinerlei Mittheilungen gemacht.

Versuchen . wir es an der Hand der Relationen des bisher völlig unbekannten Mannes die Frage zu beantworten, welche Stellung er in St. Petersburg eingenommen habe.

Kein Zweifel» dass die Interessen der französischen HandeI^K>litik di^ Absendung de La-Vie's nach Russland veranlassten. Franzö- sische Kapitalisten hatten in grossen Geschäften in Russland be- trächtliche Summen Geldes verloren. Die Regierung gedachte durdi Ab^eadung eines Kommissars die Interessen des französischen Han-

21

dels und der francösischen Industrie zu förderni den ferneren Untei-- nehmungen französischer Kapitalisten Vorschub zu leisten. Als eine für einen dortigen Posten geeignete Persönlichkeit erschien de La- Vie, weil er, wie wir aus einer seiner Relationen erfahren, schon mehrere Jahre vor seiner Reise nach Russland die Handelsbeziehun- gen der Engländer - und Holländer mit Russland zum Gegenstande eingehenden Studiums gemacht und über die Bedeutung russischer Waaren in Livorno und Marseille an die französische Regierung Bericht erstattet hatte (S. 234).

Den Holländern und Engländern, welche in Russland Handel trieben und Fabriken errichteten, wollten die Ffanzosen Kpnkurren^ machen. Aus dem Schreiben eines Ungenannten in Hamburg im J. 17 14 (ohne genaueres Datum) erfahren wir, dass u. 'auch die Schweden die Nachricht von der Reise de La-Vie*s nach Russland sehr übel aufnahmen : man sah darin den Wunsch der Franzosen, aus den Eroberungen Peters an der Ostsee Nutzen zu ziehen. Während seines Aufenthaltes in Russland berichtete de La-Vie nicht blos an einen hochstehenden Würdenträger, welchen er «Votre Grandeur», auch wohl <Monseigneurt nennt, dessen Namen aber die Heraus- geber der Relationen scheinbar nicht ermittelt haben, sondern auch an den Conseil de marine; er erhielt Instruktionen von dem Grafen Pontchartrain, von dem Marschall d'Huxelles (s. z. B. S. 494 und 510) und in allen diesen Aktenstücken wird von der Bedeutung der Ostsee für den Handel und die SchiflTahrt gesprochen. Oflfenbar

ist auch ein «Memoire pour servir ä Tinstruction de allant ä

St. P^tersbourg>, welches der Staatssekretär Amelot im J. 1714 ver- fasste (S. 490 493), bei Veranlassung der Reise de La-Vie*s ge- schrieben worden. Der nach St. Petersburg Abzusendende sollte dort genaue Angaben über die* Beziehungen der englischen und hol- ländischen Kaufleute zu Russland sammeln, über die Zollgesetzge- bung, über Jahrmärkte, Kommunikationsmittel Erkundigungen ein- ziehen, die Preise der verschiedenen Waaren, die Verhältnisse der Münzen, Maasse und Gewichte ermitteln. Gleichzeitig aber sollte der Betreffende die politische Lage Russlands beobachten, über den Zaren und den Zarewitsch, über Menschikow und andere hohe Beamte und Generale berichten, die Intentionen des Zaren zu' er- fahren suchen, die Staatseinrichtungen Russlands zum Gegenstande des Studiums machen u. s. w.

So war denn de La-Vie zu 'gleicher Zeit Konsul und Reporter. Am 2.